Das schönste heute ist das Wetter
oder
Wir sind nur zum Saufen hier
FC Sankt Pauli vs. Holstein Kiel 1:2
Seit gestern viertelvorvier überlege ich, was zu Hölle ich
bloß in meinen Heimspielbericht schreiben soll. Und grüble
über eine passende Form, denn eigentlich wollte ich ein Gedicht
schreiben, denn ich finde Gedichte immer so herrlich melancholisch, was
meine Verfassung doch sehr schön widerspiegeln würde. Leider
sind Gedichte höchst komplexe Texte, in denen jedes Wort eine hohe
Bedeutungskraft hat. Und ich habe einfach nicht die Muße, mir
wegen des gestrigen Tages den Kopf zu zerbrechen. Und außerdem
steckt schon in der Überschrift so viel geballte Bedeutung, dass
sie allein schon poetisch, wenn nicht sogar philosophisch ist. Ich
versuch es dann trotzdem mit einem herkömmlichen Bericht (und bis
hierhin habe ich etwa eine halbe Stunde gebraucht und es liegt nicht
daran, dass ich nach dem Adlersuchprinzip schreibe!)
14 Uhr ist eine Anstoßzeit, an die ich mich nicht gewöhnen
kann (und wohl auch nicht wirklich brauche, denn nächste Saison
wird mehrheitlich wieder um 15.30 angepfiffen), wird der doch zu
Erholungszwecken benötigte Wochenendschlaf zu einer
unmöglichen Uhrzeit durch das Schrillen des Weckers jäh
unterbrochen, um dann abgehetzt doch erst die Bahn um
viertelnachzwölf zu kriegen. Immerhin trafen wir rechtzeitig am
AFM Container ein, um die soziale Bezugsgruppe zu treffen, ein Bier zu
trinken und den Flyer zu lesen. Stimmungsboykott? Hab ich seit zwei
Jahren eh kein Problem mit, steh schließlich Meckerecke. Und die
Leistung der Mannschaft lässt ja auch arg zu wünschen
übrig und sollte die angedachte Choreo nicht eh abgesagt sein?
Schnell die Info überflogen und irgendwie gar nichts verstanden.
Mit der Leistung der Mannschaft hatte das Ganze jedenfalls nichts zu
tun.
Stadionverbote??? Pudi konnte uns ein bisschen aufklären. Am Abend
zuvor trat die Polizei an den Verein heran und verlangte für sechs
der aktivsten in der Fanszene ein Stadionverbot fürs Millerntor,
da diese wohl mehrfach polizeilich auffällig geworden sein sollen.
Damit waren aber ausdrücklich NICHT die Vorfälle vom
vergangenen Spieltag in der AOLA gemeint. Konkrete Begründungen
gab es nicht, auch nicht für die Betroffenen, denen die
Entscheidung wohl noch an dem Abend zugingen. Doch das Präsidium
unterschrieb die Verbote. (Zur Erklärung(danke Knuffi):
Fußballfans nehmen bei einem Spiel das Hausrecht eines Vereines
in Anspruch. Dort hat der Verein zu entscheiden. Nicht die Polizei, so
gern sie das auch möchte, zumindest nicht ohne Zustimmung des
Vereines.) Na Super, das ist doch mal ein gelungener Auftakt für
ein erfrischendes Heimspiel! Zudem wurde dann von Block 1 und USP
geplant, nach einer halben Stunde das Stadion aus Protest zu verlassen.
Ich war gespannt, denn aus der Meckerecke kann man diesen Bereich ja
hervorragend einsehen.
Obschon geschockt durch die Stadionverbote, nahm ich doch wie meistens
in den letzten Spielen ein entspannte Haltung in der Meckerecke ein,
ein kühles Astra in der Hand, um dann erst mal ausgiebig zu
plaudern. Nach rund 20 Minuten musste ich zum ersten Mals aufs Klo und
traf auf dem Rückweg Thesie, der sich gerade erst vom Schreibtisch
losgemacht hatte und bestellte ein neues Bier. Als wir gerade unten in
der Meckerecke waren, fiel das einsnull für Kiel, dass irgendwie
nur zur Kenntnis genommen wurde. Als wir uns auf die fünfte Stufe
vorgearbeitet hatten, fiel der Ausgleich für Sankt Pauli und ich
war mir sicher, dass das Spiel zweieins ausgeht.
Die 30 Minuten waren um und eine nicht gerade kleine Gruppe der
Gegengeraden und des Block 1 machten sich auf dem Weg nach
draußen, begleitet von „Haut ab!“ und „Auf Wiedersehen!“
Sprüchen, die mich zu einem fröhlichen „Und wir sind nur zum
Saufen hier!“ ermunterten, was die Sprücheklopfer nun erst recht
nicht verstanden (da war Andys klare Ansage wohl leichter zu kapieren,
aber Ironie ist ja auch nicht jedermanns Sache). Wir blieben an unseren
Plätzen. Vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht aus Neugier,
was nun geschehen würde, vielleicht auch aus Lethargie.
Ich musste zum zweiten Mal aufs Klo, schnackte ein bisschen mit den
unten stehenden, kaufte noch dreiaufzwei und ging wieder rein.
Irgendwann fiel dann das zweieins, aber nicht für uns, alles war
wie gehabt. Zum Stimmungsboykott war wohl kein Spiel besser geeignet
als dieses, denn selbst die Pfiffe hielten sich beim Abpfiff in
Grenzen... Meine NettoaufsSpielfeldguckzeit beschränkt sich wohl
so auf 15 Minuten und vielleicht sollte ich mir die Frage stellen, die
Watnu aufgeworfen hat: Wenn man einer Sache, die einen mal sehr nahe
stand, überwiegend nur noch Gleichgültigkeit entgegen bringt,
sollte man nicht aus Krampf weiter daran festhalten, sondern sich erst
mal verabschieden. ...
Nach dem Spiel gings dann in den Fanladen, wo heute ein leckeres Chili
kredenzt wurde, diesmal mit ausreichend Knobidip. Zusammen mit Moritz
und den Boys in Black for him and her machten wir eine
Floskelrunde auf, von denen ich euch die schönsten nicht
vorenthalten will:
- Mit Littman in die Championsleague
- Der Ball ist rund und ein Abstieg dauert eine Saison
- Hängt der sportliche Erfolg von der Menge des
Knobidip ab?
- Beim nächsten Heimspiel stell ich das Fenster
auf kipp, um an frische Luft zu kommen
In diesem Sinne
Christine
PS: Schädel schrieb im Forum:
Als wäre das alles nicht schlimm genug, wird dann nach den
friedlich verlaufenen Protesten nach Spielende dem Fanladen die
Verantwortung für alle zukünftigen Fanaktionen
aufgebürdet und für den Fall der Durchführung einer
spontanen Meinungsäußerung einer kleinen Fangruppe vor dem
Pressecontainer der Entzug der vereinsseitigen Unterstützung
angedroht. Diese perfide Nötigung war erfolgreich und stellt nach
dem Tags zuvor erklärtem Affront die endgültige
Kriegserklärung des Präsidiums an die Fans dar.
Danke Corny, du hast hiermit mal wieder bewiesen, wie viel du von der
Fanszene tatsächlich verstehst!