Wo ist der Punkrock? Das ist doch allenfalls noch Schlager...

oder

Wird Leidensfähigkeit belohnt?

St. Pauli vs. Frankfurt

Um es mal vorweg zu nehmen: Bock hatte ich ja überhaupt nicht.

In der Winterpause ein Skandal nach dem anderen. Schwarze Kassen, fristlose Kündigungen, Gerichtstermine. Neuer Trainer, neue Spieler. Die Zeitungen denken sich jeden Tag was Neues aus. Miese Hallenturniere. Aber der St. Pauli Fan ist leidensfähig.

Anfang der Woche krank. Freitag eine Hospi, die voll in die Grütze ging. Zu Hause erst mal ins Bett. Zum Aufstehen keine Lust. Reichlich spät dann am Millerntor, trotzdem noch alle getroffen. Die Lust, das Spiel sehen zu wollen, stieg. Immerhin leiden meine Freunde mit. Der St. Pauli Fan ist ja leidensfähig.

Im Stadion dann die Überlegung: Unter Block 1 oder lieber Meckerecke? Der Gemütslage angepasst fanden wir uns dann in der Meckerecke ein, wo es sich Thesie, Marie-Ann, Snake und andere Kollegen schon bequem gemacht hatten. Ein bisschen über dütt un datt geschnackt, Bierchen getrunken. „Das Herz von St. Pauli" mitgesungen. „Hells Bells". Es konnte losgehen. Tipp von mir: 5:4 für Frankfurt. Bin halt pessimistisch.

St. Pauli begann recht gut. In den ersten Minuten zeigten die Jungs Ansätze von Spielintelligenz. Doppelpässe, druckvolles Spiel nach vorne. Der neue Zehner fiel auf. Wurde oft angespielt. Tanzte mit dem Ball. Verteilte. Zog gegnerische Spieler auf sich. Meier blieb dagegen eher blass. Der neue Torwart gab auch ein gutes Bild ab. Fing auch hohe Bälle sicher. Und noch ein „Neuer" spielte recht ordentlich: Fabian „Chancentod" Gerber (man erinnere sich an die Torraumszene in Saarbrücken in der Aufstiegsaison – aus einem Meter noch schön über das Tor geballert argh) . Auch ein Ex- St. Paulianer war nicht zu übersehen: Henning Bürger grätschte wie ein Wilder, hätte eigentlich mit gelbrot vom Platz gemusst. Doch der Schiri ließ Gnade vor Recht walten. Leider ließen sich die St. Pauli Jungs irgendwie verunsichern. Frankfurt konnte so stärker werden. Ein Freistoß markierte dann kurz vor der Halbzeit das 1:0. Toll. Nahtloses Anknüpfen an die Leistung vor der Winterpause? Mit schwante Schlimmes. Zum Glück ist der St. Pauli Fan leidensfähig.

Irgendwann Mitte der zweiten Halbzeit bekam Snake einen Anruf: „Bist du beim Spiel?" „Jo, sicher." „Und?" „Was und? Die spielen wie Samsons Turnschuhe!"

In der Tat wirkten die Jungs etwas verunsichert. Vorm Tor fehlte der entscheidende Pass. Mein Nachbar bemerkte zum mangelnden Abschluss: „Schieß du, ich hol Kaffee." Aber St. Pauli steckte nicht auf. Frankfurt spielte sich keine nennenswerte Chance mehr heraus. Einige Torraumszenen ließen das Publikum den Atem anhalten. Aber insgesamt machte sich doch Resignation breit. Wir werden mal wieder verlieren. Obwohl wir nicht schlecht spielen. Der St. Pauli Fan ist nicht nur leidensfähig, sondern auch zunehmend pessimistisch eingestellt. Egal wie es steht.

Wirklich ernsthaft kannst du das doch auch keinem mehr erklären, weshalb du immer noch zu jedem Spiel gehst. Seit über 1 ½ Jahren ein beschissenes Spiel nach dem anderen. Letzter Platz in der zweiten Liga seit ich weiß nicht wie vielen Spieltagen. Nur neun Punkte. Dafür etliche Punkte Rückstand auf den rettenden Nichtabstiegsplatz. Und dann stehst du doch wieder im Stadion. Und du guckst in die Runde und stellst fest, dass das Stadion rappelvoll ist. Wie ist das zu erklären?

Vielleicht, weil irgendwann ja jede Pechsträne zu Ende sein muss. Und die Chance, demnächst einen Sieg zu sehen, ist so hoch wie nie. Meint Thesie. Und begründet das mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ok.

Und dann fällt in der Nachspielzeit doch tatsächlich noch der Ausgleich!!! Unglaublich. Und ich konnte mich wirklich freuen. Und ich glaube an die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und daran, dass wir demnächst einen Sieg bejubeln werden können.

Christine