Dänemark im Herbst oder "Müsst ihr denn selbst im Urlaub immer Fußball gucken?"
FC Midtjylland vs. FC Nordsjælland 1-1
3.10.04
Kurzentschlossen düsten wir direkt im Anschluss an das St. Pauli Spiel gegen Düsseldorf nach Dänemark in den Urlaub, diesmal an die Nordseeküste. Natürlich hatten wir vorher nachgesehen, welches Spiel in betreffendem Zeitraum in Frage käme und da die Spiele der ersten und zweiten Liga in Dänemark alle auf einem Sonntag liegen (und das zumeist auch immer um 15 Uhr), kam von der Lage her entweder Esbjerg oder Herning in Frage. Erste Liga sollte es diesmal schon sein, denn die Erlebnisse von Fredericia und Vejle letztes Jahr waren doch etwas deprimierend. Nach einem Blick auf www.stadionwelt.de entschieden wir uns für den FC Midtjylland, im Nachherein sicher ein gute Idee.
Der FC Midtjylland existiert erst seit 1999 und ist eine Fusion aus zwei zweitklassigen, ob der räumlichen Nähe rivalisierenden Vereinen in Herning (Herning Fremad) und Ikast (Ikast FS) (soweit ich das der Homepage www.fcmidtjylland.dk (da unter "Historien") und den Gesprächen vor Ort entnehmen konnte). Allein hatte keiner der beiden Clubs ein Chance, sich in der dänischen Superligaen zu etablieren, auch wenn Herning Fremad in den 70ern wohl mal recht erfolgreich gespielt hat.
Ende der Saison 98/99 war man sich einig und meldete den Verein beim Verband an und spielte dann erfolgreich (im Stadion von Ikast) in der Faxe Kondi Divisionen (zweite Liga). Diese wurde auf dem ersten Platz mit 76 Punkten erfolgreich abgeschlossen und man stieg auf. Die darauffolgenden Saison schloss man auf dem vierten Platz ab und qualifizierte sich für den UI-Cup. Auch die Saison 2001/02 wurde erfolgreich mit dem dritten Tabellenplatz und einer erneuten Teilnahme am UI-Cup abgeschlossen. Die letzen beiden Jahre waren eher mittelprächtig und wurden im Mittelfeld beendet. (Die jetzige SAS Liga hat 12 Clubs) Die Vereine Herning Fremad und Ikast FS existieren nach wie vor - und spielen in der Danmarkserien, kreds 3 (was wohl in etwa unserer Oberliga entspricht). Wer des Dänischen mächtiger ist, kann mich hier gern korrigieren oder ergänzen.
Für die Fans war die Fusion zunächst natürlich nicht so klasse und gerade die Ikast FS Fans fühlten sich "aufgekauft" und boykottierten die ersten zwei Jahre den neuen Verein, obwohl dieser in "ihrem" Stadion spielte. Dieses Stadion war aber für die Ambitionen des Vereins (und Auflagen des Verbandes?) ungeeignet und so begann man mit dem Bau einer neuen Arena am Stadtrand von Herning. Die SAS-Arena ist zu dieser Saison fertig geworden und erfreut sich regen Zulaufs, zumal mit dem Stadion auch eine komplett neue Verkehrsanbindung geschaffen wird (auf die Frage, wie denn der von mir als Nachteil aufgeführte Punkt des Stadions am Stadtrand aufgefasst wird, bekam ich die einstimmige Antwort, dass a) Herning ja nicht gerade groß ist, b) eh alles immer per PKW gemacht wird, c) die Anbindung an Bus und Bahn hervorragend sei und d) ja vorher auch alle nach Ikast gefahren sind).
Aber soweit war ich ja eigentlich noch gar nicht.
Frisch ausgeruht am Sonntagmorgen nach einem Frühstück mit exzellenten dänischen Brötchen machten wir uns auf den Weg ins etwa 80 Kilometer entfernte Herning. An sich nicht weit, aber in Dänemark darf man auf den Landstraßen ja nur 80 fahren, was doch reichlich langweilig ist auf die Dauer. Keine Ahnung wo sich das Stadion befindet und "nur" noch anderthalb Stunden bis zum Anpfiff, erschienen plötzlich strahlende Flutlichtmasten vor uns und wir hatten Herning nicht mal erreicht. Noch zweifelnd, ob das tatsächlich schon die neue SAS - Arena sei, folgten wir einfach der Straße und fanden uns dann ziemlich bald auf dem großzügigen Parkplatz wieder.
Die SAS - Arena bietet Platz für 12.500 Zuschauer, davon 5500 Stehplätze (alles überdacht, is ja ne Arena). Ausverkauft war es aber noch nie, aber das Stadion hat ja auch erst 12 Spiele gesehen.
Nachdem wir das Maskottchen bewundert hatten (ein Wolf namens Lupo mit der Rückennummer 99), das für die Kinder Torschusstraining anbot, suchten wir ein Kartenhäuschen, um an Tickets zu kommen. Da wir "richtige" Stadionatmosphäre, also ein Mittendrin, wollten, entschieden wir uns für den Stehplatzblock hinter dem Tor. Läppische 50 Kronen (etwa 7 Euro) sollte der Spaß kosten, da zahl ich in der Regionalliga in Deutschland aber meist mehr! Wir machten uns dann auch gleich auf zum Eingang, wo normale Personenkontrollen mit Abtasten und in-die-Tasche-gucken stattfanden. Durch ein Drehkreuz gelangten wir unter die Hintertortribüne. Ich musste erst mal die Toiletten aufsuchen, die vom Allerfeinsten waren. Andy besorgte derweil zwei Bier, die genauso viel kosteten wie der Eintritt.
Im Block angekommen schauten wir uns erst mal um. Äußerst gemischtes Publikum. Alle Jahrgänge, auch etliche Familien. Die meisten der Supporter in Trikot waren allerdings zwischen 15 und 20, 25. Plötzlich hörte man Gejohle und es war Rauch zu sehen. Andy war gerade auf Fototour, ich konnte von meinem Standpunkt aus nur erkennen, das die "Ultras" Alarm machten (mit Oberkörper frei, Fahnen und Gesang). Andy berichtete mir dann, dass der Rauch aus einer eigens aufgestellten Nebelmaschine stammte und nur Poserfotos gemacht wurden. Der harte Kern der Sangesfreudigen nahm dann auch bald darauf den angestammten Platz mittig hinterm Tor relativ weit oben unterm Dach ein und wir stellten uns in die Nähe. Einige der Melodien kamen uns doch ziemlich bekannt vor.
Schon beim Warmmachen der Mannschaft stellten wir fest, dass ein Spieler wohl eine herausragende Rolle inne hat. Er hört auf den Namen Zidan (ohne "e") und ist so was wie der Star der Mannschaft, wie uns später versichert wurde. Beim Einlaufen der Mannschaften (durch ein Spalier von Cheerleadern) wurde die eigene Mannschaft frenetisch gefeiert und die gegnerische ausgebuht. Die Choreo war auch nicht schlecht: lauter rote und schwarze Krepppapierrollen und dazu die Schwenkfahren (arenamäßig natürlich VOR der Kurve). Schon beeindruckend. (nach dem Spiel stellten wir fest, dass jene Wurfrollen im offiziellen (!) Merchandiserepertoire zu finden sind) Die Heimmannschaft lief in Richtung Hintertortribüne, um die Fans mit einer bestimmten Geste zu begrüßen.
8641 Zuschauer (davon etwa 20 Gästefans) sahen einen fulminaten Auftakt des Spiels: nach 37 Sekunden zappelte der Ball bei Nordsjælland im Tor! Torschütze: natürlich Zidan! Aber die Freude währte nur kurz, denn keine 6 Minuten später trafen die Gäste zum Ausgleich. Das tat dem Spiel leider überhaupt nicht gut, denn es wurde stetig schlechter. Der Schiri hatte einen schlechten Tag und pfiff ziemlich strittig.
In der Halbzeit kamen wir mit dem Menschen vor uns ins Gespräch, der wissen wollte, woher wir seien. Als wir erklärten, dass wir aus Hamburg sind und den FC St. Pauli unterstützen, guckte er uns komisch an und fragte dann, ob das nicht der Nazi - Club sei. Wir versicherten, dass diese Information falsch sei und es sich absolut um das Gegenteil handelt. Weshalb er darauf kam, konnte ich nicht so recht rauskriegen (mein Englisch ist echt nicht das beste). Beruhigt, dass er es mit Antifaschisten zu tun hatte, lud er uns im Laufe des Gesprächs in die Fanclubkneipe ein, die sich im Stadion befindet. Wir verstanden das nicht so ganz, eine Fanclubkneipe IM Stadion??? Aber egal, wir wollten ihm nach dem Spiel einfach folgen.
Das Spiel war nicht schlecht, aber irgendwie auch nicht wirklich gut. Midtjylland hatte noch die ein oder andere Chance und Nordsjælland vergab einen Elfmeter kläglich.
Nach Abpfiff bemühten wir uns, unserem Gastgeber zu folgen und tatsächlich: auf der Haupttribünenseite unterhält der einzige Fanclub des Verein (die Black Wolves www.black-wolves.com ) eine Kneipe mit Billardtischen, Dartautomaten und Internetanschluss! Unser Gastgeber gab uns ein Bier aus (das die Betreiber sehr günstig bekommen und alle Gewinne für ihren Fanclub behalten können, ohne Miete für die Räumlichkeiten an den Verein zahlen zu müssen) und wir kamen bald mit einem weiteren Fan ins Gespräch. Ross war ganz begeistert, dass wir uns als deutsche Urlauber ausgerechnet ein Spiel seines Vereins anschauten und bot uns an, das Stadion zu zeigen. Wir nahmen natürlich begeistert an.
Jedem steht es frei, nach dem Spiel unter die Haupttribüne zu gehen. Dort ist ebenfalls eine Kneipe und auch die Mixed-Zone, wo man sich von den Spielern Autogramme holen kann. Ross ging mit uns in den VIP Bereich und erzählte jedem, dass wir aus Deutschland seien und so gern mal das Stadion sehen wollten. Der Stadionsprecher nahm sich unser an und so gelangten wir auch in die VIP / Sponsor Boxen. Halb auf Deutsch (der Stadionsprecher sprach uns auf Deutsch an), halb auf Englisch (Ross spricht ausgezeichnet) mit ein paar Brocken Dänisch wurde uns alles erklärt und wieder unten angekommen, zeigte uns Ross auch noch den Rasen und wir machten Fotos auf der Trainerbank (die leider nix geworden sind L) .
Wieder in der Kneipe angekommen, stellte ich mich interessiert an den Computer, wo jemand gerade in ein Forum zu schreiben schien. Wir kamen ins Gespräch und ich war erstaunt darüber, dass es hier einen PC mit Internet gab. Ross zeigte uns die Seite der Black Wolves und die Fotoseite und wir posten dann auch ein bisschen mit unseren Seiten und Fotos (also nicht nur dieser und der vom Blöden Volk, sondern allgemein). Wir unterhielten uns sehr angeregt über die Fanszenen, über die Ligazugehörigkeit, den dänischen Fußball (der uns ja weitestgehend unbekannt ist), die Regionalliga und eben auch über die Geschichte vom FC Midtjylland. Beeindruckend fanden unsere Gesprächspartner unsere Zuschauerkulisse und die große Anzahl an Fanclubs. 8000 Zuschauer mag für unsere Verhältnisse zwar mager sein, aber die Region Herning hat bloß 60.000 Einwohner und im Umkreis von 100 Kilometern gibt es fünf weitere Clubs.
Alles in allem war es eine absolut richtige Entscheidung nach Herning zu fahren. Ein Besuch ist zwar nicht so aussagekräftig, aber wir haben ihn als sehr angenehm empfunden. Zur Einstellung der Leute konnten wir natürlich nicht viel rauskriegen, aber die Jungs, die sich mit uns unterhalten haben, waren sehr zuvorkommend und ziemlich begeistert.
Fotos zum Kick gibt es bei www.bloedesvolk.de zu sehen, Reaktionen auf die Ankündigung im Black Wolves Forum unter http://www.ulvegraven.dk/read.php?f=1&i=79305&t=79305 .
Christine 13.10.04