Kuscheln im Koreaner

oder

Man kann ein Spiel auch künstlich spannend machen

 

Schalke (A) vs. FC St. Pauli 1:2

 

Nachdem der ursprünglich angesetzte Spieltermin wegen "Unbespielbarkeit des Platzes" (und auf gar keinen Fall wegen der Personalsorgen der auch an diesem Samstag spielenden ersten Mannschaft!) in Wattenscheid ausfallen musste (Schalkes Amateure tragen ihre Spiele im Lohrheidestadion aus), sollte das Nachholspiel nun also mitten in der Woche (passender Weise an einem Mittwoch, hahahaha - ok, nicht so lustig...) stattfinden, und zwar schon um 18.30 Uhr. Dies ist nun für den Ottonormalarbeitnehmer ein denkbar ungünstiger Termin, der eine Fanladenbustour Abfahrtszeittechnisch ohne einen freien Tag unmöglich macht. Also erbot sich Orsen seinen Rennkoreaner zur Verfügung zu stellen und hatte mit Flo, Christian und LeoManzi schnell eine Besatzung gefunden. Dies kam mir nun erst am Samstag beim Spiel unserer Zweiten bei Viktoria zu Ohren, hatte ich doch auch schon überlegt, ob ich nicht mal zu meinem zweiten Saisonauswärtsspiel reisen sollte, schließlich sind Ferien! Allerdings war da der Konsens, das Auto sei mit vier Personen voll. Trotzdem fragte ich dann später am Abend doch noch mal bei Orsen an, wie groß denn sein Auto sei und ob nicht doch die Möglichkeit bestünde, mitzufahren. Nachdem geklärt war, dass es sich um einen Koreaner baugleichen Stils dem eines Kadetts handelt, sollte ich mit meinen Fanclubkollegen abklären, ob sie mit mir auf der Rückbank kuscheln wollten. Und wie meine Fanclubkollegen so sind, hatten sie nichts einzuwenden, im Gegenteil, Flo bat mir auch noch die gemeinsame An- und Abreise nach Harburg an und so trafen wir dann am Mittwoch um kurz nach 1 am Harburger Bahnhof ein.

Eine Auswärtstour im Auto verläuft ja vergleichsweise unspektakulär. Weil ich nun ausnahmsweise überhaupt nicht zu fahren brauchte an diesem Tag, gönnte ich mir dann erst mal ein Astra, Orsen unterhielt uns mit Harburger Stadtteilgeschichte und erzählte lustige Döntjes, dann erreichten wir die Autobahn, hörten abwechselnd Depeche Modes gesammelte Werke und Pub Classics, Christian begann „Hoolifan" zu lesen (weigerte sich aber vorzulesen!), ich trank mein zweites Astra, bei Bremen standen wir kurz im Stau, vor Osnabrück noch mal und nach zwei Pinkelpausen erreichten wir dann gegen halb sechs Bochum.

Ohne Stadtplan ist es natürlich doof, den Stadtteil Wattenscheid zu finden, die Wegbeschreibung vom Routenplaner arbeiten mit Straßennamen, die man leider erst sieht, wenn man an der betreffenden Straße vorbeigefahren ist und bei dem Feierabendverkehr kamen wir nur langsam voran. Trotzdem erreichten wir das Stadion noch gut eine halbe Stunde vor Anpfiff. Doch ob wir noch Tickets kriegen würden??? zitter (ich rechnete insgeheim mit etwa 2-300 Zuschauern)

Drinnen trafen wir dann schnell die üblichen Verdächtigen und eine nicht geringe Zahl Minderjähriger, die ebenfalls ihre Ferien für diesen Ausflug nutzten (die U16 war mit drei Kleinbussen da, USP (wobei da natürlich nicht alle minderjährig sind) mit 30 Leuten). Bei einem zwar gut gefüllten, aber dennoch übersichtlichen Auswärtsblock fiel das schon auf. Christian und Netzmeister hingen dann ihr vielgeliebtes „Ultra-Szene Poppenbüttel" auf.

USP hatten eine Zettelchoreo mit weißen Zetteln (drei mit Tesa zusammengeklebte DIN A 3 Blätter ergaben einen hochzuhaltenden Zettel - was müsst ihr Zeit haben kopfschüttel) und braunen Fahnen plus Konterfei von Marko Gruszka vorbereitet und eingerahmt von den vier Passantenschwenkfahren sah das schon beeindruckend aus. Die Schalker hatten nix vorbereitet, waren aber recht zahlreich erschienen (das wären sie beim ursprünglichen Termin wohl nicht, da nahezu zeitgleich das Spiel der Profis stattfand, der Stadionsprecher gab später die Zuschauerzahl mit 1621 an) und hatten reichlich Transparente am Start.

Das Wattenscheider Lohrheidestadion war für mich ein neuer Ground, da ich beim Spiel gegen die SG nicht dabei sein konnte. Um das Spielfeld zieht sich eine Laufbahn, was ja per se schon mal blöde ist, weil der geneigte Fan dann ziemlich weit weg vom Geschehen steht. Die Stehränge sind betoniert und nicht sehr hoch. Die Gästekurve umfasst tatsächlich die gesamte Kurve, dazu gibt es noch Tickets für die größere der beiden Tribünen (die kleinere ist eine typische Regionalligatribüne für 100-200 Zuschauer mit Stehplätzen davor, erinnert an Viktoria, nur etwas futuristischer im Bau und mit (wärmenden?) Neonröhren versehen), auf der sich neben den Veteranen noch einige andere St. Paulianer eingefunden hatten. Für die Versorgung ausreichend gab es einen Getränkecontainer und einen Grill mit Würstchen, die ganz hervorragend gewesen sein sollen (auf jeden Fall behauptete das unser Rennelefant und verdrückte gleich zwei). Leider gab es ansonsten nichts anderes zu essen, also musste ich hungrig bleiben. Die Renovierung der Spielstätte scheint noch nicht lange zurückzuliegen, denn die Klos waren nun wirklich das beste, was ich jemals gesehen habe: nagelneu, in ausreichender Anzahl mit ausreichendem Klopapier, zwei Waschbecken plus Spiegeln. Der geneigte (männliche) Leser scheint das für unwichtig zu erachten, aber er hat sich dann wohl auch noch nie mit 1000 anderen von Gästekurve und Gegentribüne 1 Klo teilen (Gladbach) oder mit stinkenden Dixies (z.B. Saarbrücken und unzählige andere) oder bei Heimspielen mit nicht (ver-)schließbaren Türen (Klos Meckerecke) vorlieb nehmen müssen.

Die Stimmung war in Ordnung, es wurde viel gesungen und gerufen, Höhepunkte waren das „St. Pauli" - „St. Pauli" Rufen und „Aux armees" von Tribüne zu Gästekurve (man beachte: auf der Tribüne befanden sich eine Handvoll Veteranen! Zeitverzögert kam der Schall der Worte dann bei uns an und wurde lauthals zurückechot! Sehr geil.) und später das Ausziehen der Schuhe der USPler und mit diesen klatschen (leider war ich zu spät mit der Kamera, sah sehr lustig aus).

Das Spiel war nicht wirklich gut. Zunächst hatte St. Pauli die Schalker ganz gut im Griff und kam schon in den Anfangsminuten zu einigen Torschüssen, doch auch die Blauen steckten nicht auf. Nach einer guten halben Stunde war Bounoua dann aber durch und netzte ein. Wie es genau dazu kam, kann ich nicht mehr sagen, denn das Tor fiel auf der gegenüberliegenden Stadionseite, also locker in 120 Meter Entfernung. Die Freude war riesig. Torpogo vom Feinsten!

Nach der Pause ging das Spielchen munter weiter, St. Pauli spielte gut nach vorn. Bounoua wurde dann an der Strafraumgrenze von einem Schalker gelegt und der Schiri entschied auf Elfmeter! Aaaaarrrrrggghhhhh! (Wie viele Elfer hatten wir diese Saison eigentlich schon? Und fast alle verwandelt!) Bounoua selbst verwandelte, 2:0!!! Juhuuuuu!

Doch dann kam das, was immer kommt, wenn St. Pauli führt: der Gegner dreht auf und kommt zu Chance über Chance. Kicker-online schreibt: „Nach dem Wechsel und dem 0:2 (Van Hoogdalem hatte Bounoua gelegt, dieser selbst verwandelt) versuchte St. Pauli, den Vorsprung zu verwalten, Schalke erarbeitete sich ein Übergewicht." „versucht" und „verwalten" sind in diesem Zusammenhang einfach nur sehr passende Ausdrücke. Mannmannmannmann, man kann ein Spiel auch künstlich spannend machen!!! Die letzten 20 Minuten waren echt furchtbar! Die Fehler im Mittelfeld und in der Abwehr häuften sich und Freistöße waren an der Tagesordnung. Der Nachschuss nach einem Abpraller landetet dann auch im Tor und nun drückte Schalke richtig! Unsere Jungs waren nicht mehr in der Lage, vernünftig zu klären, sondern spielten den Ball immer konsequent vor die Füße eines Blauen. Im Strafraum gab es Kopfballstafetten, nach vorne lief gar nichts mehr. Sagers Pässe sind ja schön weit und von links nach rechts, aber leider immer so unplatziert! Irgendjemand muss Musci jetzt doch mal die Abseitsregel erklärt haben, vorsichtshalber lief er heute überhaupt nicht, wenn ein Pass in seine Richtung kam. Musci, mein lieber Freund, dann lauf lieber ins Abseits, aber LAUF!!! Die Zeit dehnte sich wie Kaugummi und Schalke wurde immer drückender, unsere Jungs kamen kaum noch hinten raus. Und wenn, dann völlig planlos. Kurz vor Schluss zappelte der Ball wieder bei Hollerrieth im Tor, doch der Schiri entschied auf Foul, puuuuhhhh. Mit einem Wechsel versuchte St. Pauli noch Zeit zu schinden, ließ der Schiri doch bestimmt 6-10 Minuten nachspielen. Und dann kam er endlich, der erlösende Pfiff. Gewonnen!!!!! Platz fünf! (immer noch Punkt- und Torgleich mit Dresden). Juhu!

Die Mannschaft war stehend k.o., kam aber brav in die Kurve und Marko warf dann auch sein Trikot zu den USPlern, die sich auf dem Zaun postiert hatten.

Insgesamt ein wirklich unterhaltsamer Fußballabend! Ein bisschen weniger Spannung tät es allerdings auch.

Wir sammelten unsere Siebensachen ein, verabschiedeten uns von den Busfahrern und machten uns dann wieder auf den Weg gen Hamburg, diesmal ohne Stau und mit nur einem Tank- und einem Essstopp. Am Autohof Dammer Dümmer Berge trafen kurz nach uns auch noch die U16 und weitere St. Paulifans ein, sodass die Bedienung mächtig ins Schwitzen geriet.

Um 0.20 Uhr hatte uns Harburg wieder, um 0.21 Uhr fuhr die letzte Bahn, die Christian und Leo knapp verpassten und deshalb von Flo zum Hauptbahnhof gebracht wurden.

Lauenburg hatte uns um viertel vor zwei wieder und zum Glück konnte ich heute ausschlafen.

Christine