Was macht Frank Farian eigentlich heute?
oder
Allez allez, allez allez, forza Sankt Pauli, forza Sankt Pauli, forza Sankt Pauli!
SC Paderborn 07 vs. FC St. Pauli 2:1
Okay, als Hellseherin kann ich doch keine zweite Karriere starten, hatte ich doch vor einer Woche an dieser Stelle behauptet, St. Pauli würde in Paderborn gewinnen. Nun ja, ohne oder mit einem anderen Schiedsrichter hätte es vielleicht klappen können, immerhin schossen unsere Jungs mal wieder ein Auswärtstor nach wer weiß wie vielen einsnull Niederlagen...
Die Ostermontägliche Auswärtsfahrt stellte den Abschluss des über die Feiertage abgehaltenen ersten Antirassistischen Fanclubfußballturniers des FC St. Pauli dar, wobei dieser hauptsächlich dadurch in Erscheinung trat, dass er das Trainingsgelände an der Kollaustraße bereitstellte, sodass die erste Herrenmannschaft am Millerntor trainieren musste. Sämtliche Offizielle" glänzten (zum Glück) durch Abwesenheit (jedenfalls in der Zeit, in der ich dort war). Organisiert wurde das Spektakel mit rund 30 Teams aus Deutschland, Italien, Schottland, England, Schweiz, Spanien, Dänemark... vom Fanladen mit der tatkräftigen Unterstützung von Ultrá Sankt Pauli und der AFM und unzähligen anderen freiwilligen Helfern am Tresen und in der Küche. Sowohl am Freitag als auch am Samstag beschränkten Andy und ich uns aufs Zuschauen, obwohl es durchaus noch Mitspielgelegenheiten gab. Es ergab sich für uns der Eindruck eines extrem friedlichen Miteinander mit durchgehend fairen Spiele, die ohne Schiedsrichter auskamen. Es herrschte eine entspannte, sehr angenehme Atmosphäre, in der sich schnell Kontakte ergaben. Die Getränke- und Essenspreise waren sehr moderat und die Versorgung klappte reibungslos. Am Freitagabend stellten sich dann die einzelnen Teams vor und berichteten aus ihrer aktiven politischen Arbeit. Die Berichte wurden durchgehend ins Englische übersetzt (bzw. ins Deutsche), sodass jeder hätte folgen können, wenn die Menschen am Tresen sich ein wenig leiser unterhalten hätten. So beschlossen Andy und ich, nach der Vorstellung der Projekte auf den Vortrag der Tochter von Widerstandskämpfern aus Hamburg im 2. Weltkrieg zu verzichten. Nach der anstrengenden Woche schenkten wir uns auch die Party, die wohl sehr großartig gewesen sein soll.
Samstag schauten wir nachmittags noch einmal kurz vorbei und sahen so die Viertel- und Halbfinals. Da das eine Halbfinale der Übersteiger und der Sprecherrat austrugen, entschieden diese beiden, auf das Finale zu verzichten, sodass das Finale das gleiche Spiel wie das zweite Halbfinale war: Rebublica International aus Leeds gegen Bohemians Prag, das Rebublica für sich entscheiden konnte. Am Abend öffneten AFM-Container und St. Pauli Clubheim ihre Pforten. Als Überraschungsgig hatten sich Rude&Visser angekündigt, die eigentlich in Rostock spielen sollten. (siehe Konzertbericht) Was soll ich sagen? Das Konzert ging bis kurz vor halb 3, danach war die Party aber noch lange nicht vorbei, sollte es doch noch auf den Fischmarkt gehen. Auf diesen Part verzichteten wir allerdings, wurden wir am Sonntag doch zum Osterbrunch erwartet.
Nach einem für uns relativ entspannten Sonntag klingelte der Wecker dann am Montagmorgen eine gute halbe Stunde früher als normalerweise und wir mussten uns sputen, denn der Zug sollte um zehn vor acht am Hauptbahnhof abfahren. Dieser war auch schon mal voller, wenn St. Pauli ein Auswärtsspiel hat... Nun ja, ich muss reden, war dies doch erst meine vierte Auswärtsfahrt in dieser Saison (ehrlich gesagt: mir geht einfach immer zu früh los! 6 Uhr Abfahrt Clubheim, um irgendwo in der Pampa ein Drittligaspiel zu sehen - ne, da bin ich Modefan und schlaf lieber aus (bei 9 Uhr Abfahrt sähe das bestimmt anders aus, aber wenn um 14 Uhr Anpfiff ist, geht das nun mal nicht)). Und welches göttliche Spiel suchte ich mir für einen meiner seltenen Trips aus? PADERBORN!!! Wer es bis jetzt nicht mitgekriegt oder erfolgreich verdrängt hatte, spätestens jetzt war klar: WIR SPIELEN NUR REGIONALIGA! Paderborn ist für mich das Synonym für Drittklassigkeit, so wie es jahrelang Meppen für die Zweitklassigkeit war. Und Meppen muss im Vergleich zu Paderborn eine Weltstadt sein! Mit einem Stadium im Zentrum, denn weiter in der Wallhumba kann ein Stadion" nicht stehen!
Aber ich greife vor. Der Zug war zwar nicht ganz ausverkauft, aber durchaus schon gut gefüllt, als er am Hauptbahnhof einrollte, sodass wir nicht beim Rest der Fangemeinde Platz fanden, sondern mit der Aktion Süd Active Part im Nebenabteil Platz nahmen. Unsere direkten Sitznachbarn entpuppten sich als ein Berliner St. Pauli und Celtic Fan und ein schottischer Celtic Fan, die das gesamte Wochenende schon hinter sich hatten. Es ergaben sich recht nette Gespräche, in dessen Verlauf Andy dem Schotten seine Visitenkarte geben wollte, damit dieser ihm ein Celtic View zuschicken konnte, und Michael dann bemerkte, dass er diese Karte bereits an seiner Pinnwand hatte: die beiden waren sich schon in Sevilla über den Weg gelaufen! Die Welt ist ein Dorf.
Die Passanten hatten im ersten Wagen im Fahrradabteil einen provisorischen Tresen aus Bierkästen aufgebaut und versorgten die Zugbelegschaft mit ausreichend Getränken, die vor allem am anderen Ende des Zuges rege konsumiert wurden, sah man doch nicht nur eine Polonaise bis zum Tresen, sondern auch reichlich Einzelmenschen, die ganze Kisten wegschleppten... ;-)
In Paderborn angekommen erwartete uns ein mittelgroßes Polizeiaufgebot am Bahnsteig, die sich erst mal eine Kostprobe aus dem Gesangsarsenal anhören durften, bevor alle in die Busse zum Stadion verfrachtet waren. Und dann fuhren wir etwa eine halbe Stunde lang. Durch Paderborn. Aus Paderborn heraus. Über die Autobahn. An einem Schild vorbei, auf dem Schloss Neuhaus stand. Durch einen Wald. An einem Minigolfplatz vorbei. An einem Campingplatz vorbei. Und tatsächlich: am Ende hielten wir vor der Spielstätte. In the middle of nowhere. Zwei Stunden vor Anpfiff. Mit zwei Bratwurst- und zwei Getränkebuden. Super. Ist schon schön da. Ungefähr so war auch die Stimmung. Aber man hatte reichlich Zeit, mit jedem zu quatschen, sich ein oder zwei Jever light zuzuführen, sich einen Platz zu suchen und dabei das Spiel unserer U16 gegen eine Jugendauswahl der Paderborner zu sehen.
Wir entschieden uns, bei den Boys in black for him and her und Moritz zu stehen, zu denen sich später auch noch ein gewisser Norbert gesellte, oberhalb der lebenden Leichen von USP. Auch die Paderborner trudelten nach und nach ein und hängten ihre Plakate auf. Immer wieder schön natürlich Plakate wie die Pader Patrioten" und Paderfront".
Stimmungsmäßig war es in unserer Ecke in der ersten Halbzeit recht gut und nachdem die langen und komplizierten Lieder keiner mehr singen wollte, stimmten wir immer wieder ein flottes Allez, allez" an, sehr zur Freude" der Umstehenden und des Megafonmannes, denn wir können ein Tempo halten!
Offensichtlich hat der SC Paderborn keine Geldsorgen und kann sich eine Musikbeschallung von einer Stunde vor dem Spiel leisten, allerdings müssen sie dafür wohl sämtliche ollen Kamellen und furchtbaren Popsongs des Planeten spielen. Schüttel. Von Macarena", über Marmor, Stein und Eisen bricht" bis Las Ketchup" wurde alles abgedudelt, was Rang und Namen hat. Dazwischen lauter lokalpatriotisches Liedgut in Bierzeltmanier, das ganz locker aus Frank Farians Feder stammen könnte (fandet ihr nicht, das einiges an Boney M erinnerte?) . Den musikalischen Höhepunkt erreichten wir allerdings in der Halbzeit, als gleichnamiges Lied nahezu 15 Minuten durchgespielt wurde!
Wie in einem anderen Bericht schon erwähnt, machte der Schiedsrichter dieses Gedudel aber schnell vergessen, denn was für einen Mist der sich zusammenpfiff, geht auf keine Kuhhaut! Grauenvoll! Dabei hatten unsere Jungs einen recht passablen Start und gingen in der ersten Halbzeit in Führung, um dann irgendwann den Ausgleich zu kassieren. Gut, mit einem Punkt kann man beim Aufstiegsaspiranten (!!!) leben, doch zwei Minuten vor dem offiziellen Ende passierte was? Richtig. Ein total beknacktes Tor in Ping Pong Manier. Erst Linie, dann Latte (oder Pfosten) und der dritte Schuss saß dann. Kurz davor oder danach zog sich Hubkes die Gelbrote Karte zu. Das es lächerlich war, brauche ich nicht zu erwähnen. Insgesamt gab es drei oder vier Gelbverwarnungen, allesamt fragwürdig. Bei Hubkes war es aufgrund seiner Spielweise vorauszusehen, dass er gefährdet war, trotzdem wurde er nicht ausgewechselt. Nicht nur die Fans echauffierten sich massiv über den Schiri, auch einige Spieler waren so aufgebracht, dass sie dem Unparteiischen" auf die Socken traten.
Ernüchtert machten wir uns auf die um eine Stunde vorgezogene Rückreise, wieder per Bus zum Bahnhof, wo der Zug dann kurze Zeit später eintraf. Gerade auf dem Sitzplatz angekommen, trafen die letzten Mitfahrer ein, die auf den Sitzplätzen im Stadion gewesen waren und noch Teil einer mehr als unschönen Aktion wurden: sie besaßen doch die Kühnheit, ihr im Stadion gekauftes Bier mit nach draußen nehmen zu wollen. Als dies die Ordner nicht duldeten, zogen sie kopfschüttelnd von dannen, um es bei einem anderen Ausgang zu probieren, doch so weit kamen sie gar nicht, denn mit einem Mal wurde mit Pfefferspray gesprüht und einige zu Boden gebracht. Bei dieser unglaublichen Ordneraktion mit Tritten und Schlägen gegen unsere Fans, die lediglich ein (gekauftes!) Bier aus dem Stadion entwenden wollten, wurde einem der Arm gebrochen! Blaue Flecken und tränenden Augen hatten wohl auch noch ein paar andere. Schikane lässt grüßen. Im Zug hatte er sich wieder einigermaßen erholt und spürte kaum Schmerzen, aber der Arm sah nicht so aus, wie er sollte...
Unsere Rückfahrt verlief angenehm mit anregenden Gesprächen, wobei es mir zunächst wirklich schwer fiel, das Schottisch zu verstehen...
Da das Dortmundspiel nicht in der Roten Erde, sondern im Westfahlenstadion stattfinden wird, weiß ich noch nicht, ob es mich dort hinziehen wird...
Christine