"Ich glaube sogar, dass Rico Hanke noch ein Tor geschossen hätte, wenn wir noch zwei Stunden gespielt hätten"

oder

" Gibt es hier Voll- oder Halbbier?" - " Hier gibt es Kölsch!"

1. FC Köln (A) vs. FC St. Pauli 4:0

Eigentlich fassen die Zitate in der Überschrift den gesamten Tag ganz prima zusammen, aber für einen Bericht ist es dann doch ein bisschen wenig (aber die Schlagzeile ist halt alles).

Warum ich nun ausgerechnet die Kölnfahrt zu meiner erst fünften Auswärtsfahrt in dieser Saison machte, weiß ich eigentlich auch nicht so genau. Bisher habe ich nur Kackspiele in der Domstadt gesehen, es war mein vierter Besuch in vier Jahren und sogar den Ground hatte ich schon (Remember Saison 99/00). Vielleicht lag es am Gutschein (den ich vielleicht doch lieber erst zur Auswärtstour zum UI-Cup-Spiel 2020 in Hinterkirgisistan hätte einlösen sollen) oder an der Aussicht, mit der Bahn in einer kleinen Gruppe reisen zu können, denn dass es wieder ein Kackspiel sein würde, davon war ja auszugehen.

Wann immer Zugreisen vom Fanladen als Alternative zum Bus angeboten werden, empfiehlt es sich, diese zu wählen, reist es sich mit 50 Personen bei der DB doch wesentlich angenehmer als mit ebensoviel Leuten mit Hamburger Sportreisen. Rechtzeitig entschieden erhielten wir denn auch noch Plätze bei dieser exklusiven Fahrt.

Um viertel vor acht am Sonntagmorgen sollte es also losgehen. Verdammt früh, wenn man tags darauf erst von der Klassenreise zurückgekommen ist. Beim Bäcker trafen wir dann Pieper und Olle Zicke, auf dem Bahnsteig gesellten sich dann etwas angeschlagene Boys in Black zu uns, die den Hafengeburtstag noch bis in die Morgenstunden im Scandia ausklingen lassen hatten. Ein Großteil der Gruppe war bereits in Altona eingestiegen, sodass wir uns auf die übrigen Sitze verteilten. In Harburg stieg noch Moritz ein und Norbert sollte in Köln zu uns stoßen, auf das die Gesangstruppe aus Paderborn wieder vollzählig sein sollte.

Bummelige vier Stunden später (der Zug hielt in jedem unbedeutenden Kaff über 100.000 Einwohnern) erreichten wir dann auch Köln. Die Fahrt hatte man mit netten Gesprächen über Kinder oder nicht, Eltern und deren Musikgeschmack, das Leben jenseits der 30, die WM 2026, die EM in Portugal, das UEFA-Cup-Finale, Rüdiger Vollborn und einem kleinen Nickerchen verbracht. Am Bahnhof wurden dann erst mal die Schließfächer gesucht und mit hochmodernen Gepäckaufbewahrungsterminals auch gefunden. Da wir uns anders als auf anderen Auswärtsfahrten erlebt (Karlsruhe) frei bewegen durften, entschieden die aktive Aktion Süd, Andy und ich eine Kneipe aufzusuchen, um erst mal ein frisch gezapftes Kölsch zu trinken. In der ersten Kneipe waren wir nicht so wirklich erwünscht, war doch Mittagszeit und dementsprechendes Publikum anwesend. In der Kneipe nebenan waren zwar lauter gackernde Frauenstammtische, aber wir kamen zu unserem Kölsch, das besser schmeckte, als ich es in Erinnerung hatte. Und betrunken wird man da überhaupt nicht von, aber aufs Klo muss man andauernd.

Moritz kann sich in ein paar Jahren mit Norbert zusammentun und nervös vorm Stadion auf und ab tigern, er drängte zum Aufbruch, obwohl der Boy in Black versuchte, eine Mehrheit dafür zu finden, lieber in der Kneipe zu bleiben. Die andere Boy in Black wollte aber den Ground haben, mir war es eher wurscht und so fand sich nicht wirklich eine Mehrheit (irgendwann mach ich das aber mal, beim nächsten Kölnbesuch vielleicht).

Die passende Bahn war schnell gefunden und am Barbarossaplatz trafen wir dann noch reichlich andere der Bande, u. a. auch Norbert und Knuffi, die mit der Westbrigade unterwegs waren und seit 20 Minuten auf die Weiterfahrt warteten. Psycho war trotz oder wegen seiner zwei Kümmerling mächtig in Fahrt, fand jedoch kaum Mitsänger für seine in der Bahn angestimmten Schlachtrufe.

Man erreichte das Südstadion und tapste erst mal wie doof einmal dreiviertel rum, um zum Gästeeingang zu kommen. Die Kontrollen dort waren normal, mein Rucksack wurde durchsucht, ich nicht. Im Stadion wurden Flyer für die im Anschluss stattfindende "Fanfreundschaftsparty" verteilt. Ob die Fans des FC Köln es wohl irgendwann auch mal hinkriegen, dass ihre Mannschaft die unsere dann bitte davor nicht in die ärgsten Probleme schießt? So wird das jedenfalls nichts mit einer breitangelegten "Wieder"-belebung der Fanfreundschaft. Einzig positiv an der ganzen Geschichte, die mittlerweile ja schon lässige 27 Jahre zurück liegt, ist, dass man in Köln keine Angst zu haben braucht, auf die Fresse zu kriegen oder auch nur dumm angemacht zu werden. Da fallen mir spontan nur noch Freiburg und natürlich Burghausen ein.

Ich habe in den vergangenen nun fast genau drei Jahren verdammt viele schlechte Spiele von St. Pauli Kickern gesehen, das in Köln bildet da keine Ausnahme. Das Viernull war so was von gerechtfertigt (ich schüttle immer noch mit dem Kopf).

Zu Beginn des Spiels war in unserem Bereich der langgezogenen Hintertorkurve die Stimmung ganz in Ordnung, USP sang vor, wir sangen lauthals mit, auch das vielgeliebte "Allez allez allez allez Sankt Pauli" fand wieder großen Anklang. Die Jungs, die schräg unterhalb von uns standen, konnten damit wohl offensichtlich nix anfangen und sangen lauthals "Wi laf Sangt Paule, wi du" ohne sich auch nur die Bohne am Gesang der Kurve zu orientieren. Aber sie hatten durchaus auch andere Kaliber drauf, wie den "lustigen" Spruch in Richtung Cheerleader "Eins zwei drei, Oberkörper frei", zu den Unterstützern aus Düsseldorf "Altbierkanacken" oder einfach nur ein zünftiges "Alle Kölner sind schwul". Ihr seid echte Pauli Fans!

Norbert, Orsen, Andy und die Boys in Black konnten das Geschehen auf dem Rasen nur noch mit reichlich Flüssigkeit ertragen, was dann den Dialog der zweiten Überschrift hervorbrachte.

Mit den Leistungen auf dem Rasen nahm auch die Supportwilligkeit ab und warum dann die Mehrheit trotzdem noch klatscht, wenn man sich (da der hsv dreizwei gewonnen hat) mal wieder an den Abgrund gespielt hat, verstehe wer will, ich habs aufgegeben. Mutig finde ich dennoch, dass einige Spieler an den Zaun kamen, um sich aus nächster Nähe den Unmut anzuhören. Dafür ein fettes RESPEKT, wenigstens dahingehend hat die Mannschaft Charakter. Nur das mit den Trikots hätten sie sich auch sparen können.

Dass es nun wieder reichlich schwierig wird am Samstag, ergibt sich aus der Tabellensituation. (Thesie, ich glaube, wir werden eine Menge Bier brauchen, um uns das Spiel schön zu trinken).

Die Rückfahrt war trotz des Ergebnisses weitestgehend entspannt und der Herr Boys in Black griente übers ganze Gesicht, als er nochmals an seinen vor dem Spiel geäußerten Vorschlag erinnerte.

Der Betreuer war dann irgendwann soweit, dass er alles glaubte, eben auch, dass Rico Hanke bestimmt noch ein Tor geschossen hätte, wenn wir noch zwei Stunden gespielt hätten.

Christine