Oder
Not gegen Elend in Nürnberg
Der Wecker klingelte diesen Samstag um 4 Uhr, was eigentlich gar nicht sooo früh ist, wenn man bedenkt, dass die Auswärtsfahrt nach Nürnberg anstand. Im Mai waren wir um diese Zeit schon im Zug unterwegs... Doch diesmal fuhren wir dekadent mit dem ICE. Erst meine zweite Fahrt im weißen Schienenflitzer, die erste war im August nach Darmstadt. Ob die Anreise mit dem ICE ein schlechtes Omen sein würde??? Schließlich hat der FC immer verloren, wenn seine Fans mit dem Luxuszug der Bahn anreisten...
Um zwanzig vor 6 trafen Reiner, Flo und ich dann vor Heimann den FC 42 in Person von Norbert und Marco, sowie Frida und Christian. Am Bahnsteig tummelten sich noch etwa 50 weitere Leutchen, alle bepackt mit Bier und Rucksäcken. Unsere Verpflegung belief sich diesmal auf ein Minimum, sollten wir doch schon um elf auf dem Christkindlsmarkt ankommen. Am Standardessen wurde jedoch festgehalten und so gab es wieder meine Frikadellen, die sogar dem gaumenverwöhntem Reiseleiter geschmeckt haben müssen, von Norbert Würstchen und dazu Fladenbrot und Tsatsiki. Um die Getränke hatten sich Christian und Marco gekümmert.
Zur Fahrt gibt es diesmal nicht viel zu berichten, denn kaum hatten wir uns eingerichtet und ein paar Bier getrunken, waren wir auch schon da. 4 ½ Stunden sitzen wir ja mittlerweile auf einer Backe ab (bzw. haben einige von uns die meiste Zeit gestanden). Franca, unsere persönliche Südzecke, wartete schon am Gleis auf uns und nach freudiger Begrüßung suchten wir erst mal Schließfächer. Die Freibeuterin wurde wenig später eingesammelt und so ging es zusammen mit Nils, der sich uns anschloss, in fröhlicher Runde auf zum Christkindlsmarkt. Franca wurde zur Reiseleiterin ernannt. Der erste Halt war dann an einer Wurtbude, hatte Flo doch schon die ganze Fahrt über von den leckeren Würstchen geschwärmt. Er verputzte wohl vier Portionen... Drei Buden weiter endlich ein Glühweinstand. Gegenüber ein Lebkuchenstand, perfekt. Als ich eine Runde Kakao bestellte, bemerkte ich, dass an eben diesem Glühweinstand neben mir Patrick Lindner stand, der Schlagerbarde der Volksmusik. Reiner war tödlich beleidigt, als ich ihm davon erzählte und der Paddy schon weg war, hätte er doch so gern ein Foto gehabt... Lebkuchen ist verdammt teuer, musste Christian feststellen und ich stellte fest, dass sich der Christkindlsmarkt wohl eben genau durch die vielen Lebkuchenbuden von anderen Weihnachtsmärkten unterscheidet. Alles andere kann man auch woanders haben.
Es wurde kalt und wir beschlossen, einen Irish Pub aufzusuchen. Gleich direkt am Hauptbahnhof liegt das Finnegans, und drinnen fanden wir den größten Teil der angereisten Hamburger wieder. Nach einiger Zeit gesellten sich auch immer mehr Nürnberger dazu und wir lieferten uns großartige Gesangsduelle, die wir lässig gewannen (ok, wir waren in der Mehrheit, aber die Originalität der Gesangsbeiträge der Nürnberger war allenfalls Bundesligadurchschnitt).
Um viertel vor 2 machte sich ein Teil von uns auf zum Frankenstadion, überzählige Karte verkaufen, Transpi aufhängen, Westbrigade treffen... Kraft der magischen Anziehung hatten wir auch kaum die Spielstätte betreten, als uns Psycho auch schon freudig zuwinkte. Hoto hatte Katzendienst und musste daher zu Haus bleiben. Norberts Fahne durfte nicht mit ins Stadion, weil der Stock aus Bambus ist... Naja, dann eben nicht. Unten am Zaun war kein Platz mehr für unser Transpi, also hängten wir es schräg an den Blockzaun.
Die anderen trudelten nach und nach auch ein und nach dem Einsaugen der Stadionatmosphäre sagte ein zufriedener Reiner, dass allein dies genüge, um jede Fahrt wo auch immer hin zu rechtfertigen... Recht hat er, aber ob das ein Nicht-Fußballfan je begreifen würde???
Wir standen etwas höher als noch im Mai, aber im gleichen Block. Der Support war für den Süden der Republik erstaunlich gut, auch wenn Sandra später meinte, dass durch das tiefe Dach das meiste verschluckt würde. Egal, wir hatten mächtig Spaß und die Liedauswahl war auch abwechslungsreicher als noch in Stuttgart. Von den Nürnbergern konnten wir kaum etwas hören, scheiß Tartanbahn!!!
Ich selbst bin ohne jede Erwartung zu diesem Spiel angereist, hoffte aber natürlich das Beste, während Reiner und Norbert beide von einem Sieg ausgingen. Beide Mannschaften standen unter extremen Zugzwang, die Nürnberger wohl noch etwas mehr. Nach und nach wurde die Marschrichtung klar, die Didi ausgegeben haben musste: Hinten dicht machen und Vorne hilft der liebe Gott. Der half leider nicht, denn der Teufel war in schwarz-gelb anwesend und verpfiff meiner Meinung nach das Spiel sehr zu unseren Ungunsten. Das ein oder andere Mal echauffierten wir uns ganz gewaltig!!! Aber hinten ging soweit alles klar, nur warum Henzler für Bulat spielte, weiß ich bis heute nicht. Er machte seine Sache jedoch recht ordentlich. Der kurz vor Schluss eingewechselte Cenci spielte wir ein Ivan Klasnic zu Glanzzeiten: Wie kann man als Stürmer nur einen derart langsamen Antritt haben??? Truller machte seine Sache gut und auch der Rest der Mannschaft zeigte Einsatz. Doch die Mittel fehlen, oder wie auch immer... Deprimierend, denn man hätte hier wirklich gewinnen können....
Auf dem Weg aus dem Stadion gab Norbert bekannt, dass der FC St. Pauli aus der Rückrunde 31 Punkte holen wird und mit 39 Punkten nicht absteigt (wir andern fragten uns, ob diese Saison 39 Punkte nicht die Berechtigung auf internationalen Fußball bedeuten werden). Ok, sein Wort in Gottes oder wem auch immer Ohr. Von 51 zu vergebenen Punkten müsste das auch eigentlich klar gehen... Mit 59 Punkten werden wir noch Deutscher Meister!!!
Die Abreise vom Stadion war gelinde gesagt schwierig. Das minutenlange Feststecken in einem Aufgang zur S-Bahn mit lustigen Nürnberger Jungs war nicht eben das, was ich mir unter Fantrennung vorstelle und so gab es die ein oder andere Rempelei und Pöbelei. Schön war der junge Mann, der sich über unsere Gruppe so aufregte, dass sein Hals so dick wurde, wie der von Henry Rollins in Aktion, und uns versuchte, mit seinen "Deutsche wehrt euch" - Sprüchen zu provozieren. Er selbst wäre dabei fast die Balustrade runtergefallen, während wir ihn nur freundlich lächelnd mit großen Augen anschauten... Naja. Wirklich deeskalierend benahmen wir uns wohl auch nicht, aber ich kann nicht anders, als jemandem zu applaudieren, wenn er "Deutsche wehrt euch" oder ähnliches von sich gibt. Schön waren auch die Jungs, die dann, endlich auf dem Bahnsteig angekommen, hinter uns standen und "ihr wascht euch nie, St. Pauli" sangen. Daraufhin drehten wir uns um und sangen ihnen das Lied mal ganz vor... Auch ein lustiges "Zick, zack, wir sind Zeckenpack" wurde angestimmt und auch das gute alte Lied mit der Bahnhofsmission und den Brücken krakehlten wir aus voller Brust mit. Letztendlich einigten wir uns darauf, dass die Nürnberger einfach nicht mit unserer Fröhlichkeit ob der Tabellensituation umgehen konnten und uns daher ärgerten. Egal. Was soll man denn auch machen, wenn die Bahn nur alle 20 Minuten fährt???
Letztendlich kamen wir dann unbeschadet am Hauptbahnhof an und besuchten die Fastfoodkette unserer Wahl, um uns dann noch etwas im Finnegans aufzuwärmen. Um halb acht verabschiedeten wir uns von der Freibeuterin und von Franca und 4 ½ Stunden später waren wir auch schon in Hamburg. Auf der Fahrt gingen einigen die Lichter aus, doch die Aktion für Berlin wurde in die entscheidende Phase gebracht und ist dann in 53 Stunden als Co Produktion von Passanten, Carpe Diem, FC 42 und Intergalactics im Olympiastadion in Berlin zu bewundern. Bringt alle ein altes Feinrippunterhemd mit!!!
Bis denne,