Nicht so laut, nicht so laut, nicht so laut.... oder die wohl schönste Halbzeitpause ever!
1. Bundesliga: Bayer Leverkusen vs. FC St. Pauli, 15.09.01, 15.30 Uhr, 3:1
Samstag Morgen, kurz nach 6: der Wecker klingelt unbarmherzig und reißt mich unsanft aus meinen Träumen. Das Radio dudelt irgendeinen furchtbaren Song und die Wettervorhersage ist auch nicht so der Hit. Langsam realisiere ich: Wochenende, Fußball, Leverkusen!!! Also flugs aus dem Bett gehüpft, festgestellt, dass Reiner schon wach war und sein Frühstück verspeiste, angezogen und losgefahren.
Die Intergalactics reisten zu diesem Spiel in der Sparversion in Form von Reiner und mir an, weil Pauli-Flo ja unbedingt ein Champcar-Rennen auf dem Lausitzring sehen wollte!!! Reiner beschied ihm schon Wochen vorher, dass er das wohl beste Auswärtsspiel seit Nürnberg (obwohl nicht vergleichbar...) verpassen würde, und dass nur, um Autos im Kreis fahren zu sehen!!! Egal.
Wir beide machten uns nach einem Stop beim Bäcker auf Richtung Hamburg und trafen gegen 10 vor 8 den Netzmeister, seines Zeichens der einzige Vertreter seines Fanclubs 42, der mit der Bahn reisen wollte (die Spalter ärgern sich hoffentlich immer noch, mit dem Auto gefahren zu sein...) und wenig später erschien auch Michi, unser Betreuer für diesen Tag, mit den Wochenendtickets, ´nem Paket Übersteiger unterm Arm und ´nem Becher Kaffee in der Hand.
22 Leutchen sammelten sich dann am Bahnsteig von Gleis 14, da Carpe Diem schon 2 Stunden früher gefahren sind. Wochenendticket fahren macht ja nun nur bedingt Spaß, da man andauernd umsteigen muss und die Züge immer supervoll sind. Dennoch, bis Dortmund hatten wir alle einen Sitzplatz. Dort erwarteten wir, dass die Westbrigade zusteigen würde und richtig: der Zug stand noch nicht ganz, als Psycho von außen an der Scheibe klebte und aufgeregt winkte. Schwester- und brüderlich teilten wir dann die Sitzplätze untereinander auf, unterhielten uns dann noch nett mit einem Schalker, der zum Derby wollte und kamen dann um kurz vor halb 3 in Leverkusen Mitte an.
Michi meinte dann noch, dass wir nach dem Spiel ruhig schon mal nach Düsseldorf fahren sollten, weil da die Kneipendichte höher sei. Das machten wir dann auch, aber da wir von Hunger gepeinigt waren, kamen wir über einen schmierigen Imbiss nicht hinaus und haben die längste Theke der Welt" nicht gesehen... Aber ich greife vor....
Vorm Spiel trafen wir noch Heiko, der die sichtlich anstrengende Aufgabe hatte, einen der Busse zu betreuen, ließen uns filzen (so schlimm gefilzt wurde ich noch nie! Reiner musste sogar seine Batterien für den Fotoapparat draußen lassen!) und suchten dann unsere Plätze auf. Vom Rest der 42er war noch nix zu sehen, die steckten genau wie die Alten Knochen und andere immer noch im Stau...
Im Block selbst hatten wir Karten in Reihe 28, also ziemlich weit oben. Schon von draußen konnten wir hören, was der Vorteil eines Daches ist (außer, dass man im Falle von Regen nicht nass wird): Es ist ohrenbetäubend laut!!! Irre!!! Ich konnte hervorragend sehen, stand ich doch auf meinem Sitz und hatte so endlich mal die Längenvorteile eines über 1,90 Menschen... Auffallend am Block ist, dass er komplett eingezäunt und oben stachelig ist, mit einem Fangnetz zugezogen werden kann und von einer Eule beobachtet wird (kein Witz: da hängt eine Eule an einem Faden, aus der kuckt eine Kamera raus!).
Nach einem nicht wirklich leckeren Bier und einer eher unterdurchschnittlichen Wurst, war es dann auch halb 4. Die Spieler liefen mit Trauerflor und nicht nach Mannschaften sortiert, sondern gemischt, auf und versammelten sich mit den Schiedsrichtern am Mittelkreis. Es folgte nach einer Ansprache des Stadionsprechers eine Schweigeminute. Einige Vollhonks meinten, sich in dieser Zeit profilieren zu müssen und riefen in die Stille, aber größtenteils wurde die Schweigeminute eingehalten. In Bezug auf dieses Zeremoniell schreib ich nix weiter und verweise auf andere St. Pauli Fanseiten, z.B. die der Feuchten Biber.
Das Spiel begann. Die Stimmung auf den Rängen (in unserem Block wohlgemerkt!) war einzigartig! Dadurch, dass man sich schon vor dem Spiel aufgrund fehlender DJ Ötzi und Hermes House Band Beschallung prächtigst einsingen konnte, wurde das gesamte Repertoire aus voller Brust 90 Minuten lang durchgehend gesungen. Von den Bayer Fans kam wie erwartet kaum bis überhaupt nix zurück, was uns dazu animierte, sie per Gesang zu verhöhnen (nicht so laut, nicht so laut, nicht so laut! Oder: Hurra, das ganze Dorf ist da!). Selbst das schien die Bayer-Anhänger nicht sonderlich zu stören. Gehört haben müssen sie es aber, denn wie wir später auf ran sehen und hören konnten, waren wir verdammt laut.
Zum Spiel: Didi setzte klar auf Defensive. Einzige nominelle Spitze war in der ersten Halbzeit Nico Patschinski, als Passgeber dahinter Ali Reza Mansourian. Ein kompaktes 5er Mittelfeld sicherte nach hinten ab. Die Abwehr wurde von Stanislawski dirigiert. Der Erfolg war, dass unser FC sich eine Abwehrschlacht sondergleichen lieferte. Die Bayer- Spieler stürmten gewaltig auf unser Tor, doch unsere Helden schlugen sich wacker und jeden Ball wieder aus dem Strafraum. Bis zu dem der Leverkusener drangen sie allerdings in Halbzeit 1, wenn ich richtig gezählt habe, nur einmal vor. Die Bayer-Spieler wussten sich gegen die kompakte Spielweise der Hamburger nur durch Fouls zu helfen, was für Ballack letztendlich frühes Duschen bedeutete (61. Minute). Kurz vor der Halbzeit fiel dann das überfällige 1:0, aber nicht durch Kirsten, der an diesem Tag an allem Schuld war und für jedes Foul, egal ob er es begangen hatte oder nicht, mit Kirsten raus!" Rufen bedacht wurde, sondern durch eben jenen Ballack.
Es folgte die wohl auf alle Zeiten nicht zu toppende Halbzeitpause. Eben weil sich Bayer Leverkusen entschieden hatte, keine Animation welcher Art auch immer in der Halbzeit stattfinden zu lassen, nutzten wir die Gelegenheit unser Liedgut vorzuführen. Die Ordner standen vor unserem Block so, wie es die Mannschaft nach einem Sieg tut und wurden zur Welle aufgefordert. Ein einziger ließ sich animieren und wurde im Anschluss frenetisch gefeiert (das war super, das war elegant!) und von seinem Chef derbe zusammengeschissen. Von der Reeperbahn nachts um halb 1 bis zum Herz von St. Pauli wurde alles geschmettert. Ich weiß, ich wiederhole mich, doch es war zutiefst beeindruckend. Ärgert Euch richtig, die ihr lieber zu Hause auf dem Sofa saßet oder in der Lausitz weiltet!
In der Halbzeit kamen dann auch die restlichen 42er an und sahen dann eine deutlich offensivere St. Pauli-Mannschaft auflaufen, die mehr Druck nach vorn machte. Rath wurde eingewechselt und auch Ali musste sein Trikot an Meggle weiter geben. Die Leverkusener gingen schon bald mit einem weiteren Treffer 2:0 in Führung, doch unsere Jungs gaben alles. Die Mannschaft präsentierte sich geschlossen und engagiert und versuchte auch mit Kunststückchen (Hackentrick!) zum Erfolg zu kommen. Schließlich gab Meggle einen Pass in den Strafraum, den Rath mit dem Knie unhaltbar für Butt ins Tor beförderte. Die Hölle brach los! Jubel auf den Rängen, als hätten wir das 5:0 geschossen! Minutenlanges auf- und abhüpfen! Leider fiel noch in diesen Freudentaumel der 3:1 Treffer, der den Endstand markierte.
Fazit des Spiel: In weiten Teilen kompakte Abwehrleistung und gutes Defensivspiel. Geschlossene Mannschaftsleitung und Kampfwille. Was bleibt, sind die individuellen Fehler. So hätte Incemann vorm ersten Tor entschlossener zum Mann gehen und Stani in der zweiten Halbzeit einfach mal draufhalten, statt wieder abspielen müssen. Was bleibt, ist auch der Eindruck, dass diese Mannschaft sich wohl noch in vielen Teilen verbessern kann, aber dennoch aufgrund der spielerischen Möglichkeiten kaum gegen Mannschaften vom Schlag wie Bayer Leverkusen mithalten kann. Präsentieren sich die Jungs jedoch so entschlossen, wie gestern, ist mir das auch Sch***egal, wenn´s dann am Ende nicht reichen sollte. Walk on!
Nach dem Spiel bedanken sich alle Spieler artig für den Support und wir machten uns auf zum Bahnhof, um nach Düsseldorf zu fahren. Der erstbeste Imbiss war dann unserer. Im Fernsehen lief ran, wir konnten unser Spiel noch mal Revue passieren lassen und uns über den h§v kaputt lachen und fuhren dann nach einem Getränkenachschubeinkauf im Bahnhofssupermark glücklich und erschöpft wieder gen Hamburg, fest das nächste Wochenende in Gladbach im Visier...
So long,