Erlebnistag Kiel

oder

„Wir sind hier nicht im Urwald"

Nach dem Geschlemme über Ostern bei Eltern und Großeltern brauchte ich dringend mal wieder Stadionluft um die Nase. Die 1860-Fahrt musste ich aus finanziellen Gründen sausen lassen (nun fehlen mir schon drei Spiele diese Saison *schnüff*) , was ja ob des Ergebnisses auch nicht sooo tragisch war (aber wer fährt schon wegen des Spiels auf Auswärtsfahrten, oder wie war das noch?). Also machten Andy und ich uns am Montagnachmittag auf den Weg nach Kiel, um zunächst die Amateure bei ihrem Nachholspiel bei Kilia Kiel zu unterstützen und uns später den Pokalfight Holstein Kiel gegen VfB Lübeck anzusehen.

Da das Mittagessen dann doch länger dauerte als angenommen, erreichten wir 25 Minuten zu spät (aber noch pünktlich genug, um den Groundpunkt zählen zu dürfen J )das Geläuf im Südwesten Kiels. Kilia hat eine wirklich nette Sportanlage mit einem Rasen- und einem Grandtrainingsplatz sowie dem Grün, auf dem das heutige Spiel stattfand. Damen und Rentner zahlen nur 3,50 €, Herren 5 (außer sie sind Studenten, dann dürfen sie als pensionierte Damen durch). Rund 350 Leutchen hatten sich an diesem schönen Ostermontag entschlossen, einem Oberligaspiel beizuwohnen, unter anderem auch einige Hamburger. Carpe Diem war mit seiner Kinderabteilung am Start und auch ein Fanbetreuer konnte ausgemacht und über die Münchenfahrt ausgefragt werden. St. Pauli führte bereits mit 1:0 und konnte noch vor der Pause auf 2:0 erhöhen.

In der Halbzeitpause war die Gelegenheit, die Erlebnisorientierten auszumachen und abzuschätzen, ob da was gehen würde oder nicht, aber jene Jungs waren in so geringer Zahl anwesend, dass man sich getrost bei einem Bierchen die einmalige Tribüne ansehen konnte. Wer schon über Lüneburgs Tribüne den Kopf schüttelt, hat dieses Exemplar noch nicht in Augenschein genommen... (siehe Fotos)

Unsere Jungs kamen gestärkt aus der Kabine und ließen Kilia nicht wirklich zu Chancen kommen. In einem Doppelpack in der 69. und 70. Minute wurde der Sack zugemacht und ich konnte mal wieder einer gewinnenden St. Pauli Mannschaft Beifall zollen.

Beim Suchen der Toiletten im Vereinsheim wäre ich aus Versehen fast in der Mannschaftsdusche gelandet, aber das nur am Rande und im Bierausschankraum hing eine 1a Stecktabelle der Oberliga, von der ich leider kein Foto gemacht habe.

Der Abend war ja noch jung. Die Hamburger machten sich rasch auf den Weg gen Süden (Tschüß sagen will gelernt sein, nicht war?) und wir überlegten, ob wir lieber an den Strand oder zum Pokalspiel gehen sollten. Die Uhr zeigte fast fünf und so fuhren wir dann erst mal Richtung Storchenhorst. Davor liefen schon ziemlich viele Holsteiner und Lübecker Jungs rum, beobachtet von mindestens einer Hundertschaft Grüner. Konnte also spannend werden. Also Auto in einer Seitenstraße geparkt, St. Pauli Klamotten unterm Pullover versteckt und Vortribünenkarten gekauft (die waren ermäßigt genauso teuer, wie ein Stehplatz normal (7,50€) und ich finde, ein Spiel als Unbeteiligter lässt sich im Sitzen noch mal so gut verfolgen wie im Stehen). Enttäuschende 2600 Zuschauer verirrten sich in Holsteiner Stadion (zum Vergleich: beim Liga Derby war es mit knapp 7500 ausverkauft!).

In der Stadionzeitung fanden wir gleich vier Ex-St. Paulianer, unter anderem einen Herren, dem wir mit zu verdanken haben, diese Saison in der ersten Liga mitmischen zu dürfen und ein gewisser junger Mann, der einst die Rückennummer 13 trug (nein, nicht Leo) und dadurch auffiel, dass er den Ball mit seinem Hintern abschirmen konnte... Zudem noch „Hab-Ball-gekriegt-bin-über-Platz-gelaufen-hab-Tor-gemacht" Trejgis. Scharping spielte dann auch von Beginn bis Ende und Trejgis wurde in der 74. ausgewechselt.

Die Holstein Anhänger starteten beim Einlaufen der Mannschaften eine wirklich gelungene Choreographie (ganz ohne Rauch übrigens!) mit einer Tapete auf der so etwas stand wie „Diese Farben hat das Land" und einem Meer aus blau-rot-weißen Fahnen und weißen Zetteln. Wirklich klasse. Die Lübecker zeigten den Kielern ihre Blockfahne und das sie dem Gemüsehändler um ein paar Tüten erleichtert hatten. Während des Spiels war der Support der Kieler Ultras doch um einiges lauter als der der Lübecker, aber auch nicht wesentlich kreativer. Beliebt war vor allem „Lübecker - Arschlöcher" und auf der anderen Seite „Alles außer Lübeck ist Scheiße" (ich dachte, das heißt anders...)

Spielerisch war der VfB in Halbzeit eins stärker. Der Schiri ließ oftmals den Karton in der Tasche. Da es zur Halbzeit noch 0:0 stand, drehten die Störche auf und das Spiel wurde ruppiger. Lübeck konnte die wenigen guten Gelegenheiten nicht nutzen und irgendwann ließen sich die Kieler nicht mehr lang bitten und der Ball zappelte im Tor. Dabei blieb es dann auch.

In der Halbzeit alberne Animation mit Elfmeterschießen und so. Laaaaannnngggweilig!

Zu Beginn der zweiten Halbzeit führten die Kieler Fans ihre Choreo fort. Von der Idee her nicht schlecht, aber die Botschaft war doch eher mies. Es wurde eine Tapete entrollt, auf der nun zu lesen stand „... und diese Farben eure Stadt!" und dazu wurden rosa und hellblaue Zettel hochgehalten. Freundlich gesinnt könnte man es so interpretieren, dass rosa und hellblau halt die blassen Varianten von rot und blau sind, doch die Anspielung war wohl in eine andere Richtung gedacht. Na ja.

Tribünenpublikum ist übrigens schon ein seltsames Volk. Zunächst einmal findet man hier entweder Leute deutlich jenseits der 60 oder Kinder unter 10 mit ihren Vätern (wobei die über 60jährigen in der Überzahl waren). Dann tragen sie ohne Scham diese albernen Mützen aus den frühen 80igern (ihr wisst, welche ich meine... ja, genau die!) und sie haben immer noch ihre Gaströten von Uwe Seelers Abschiedsspiel!!!! Das Gehirn lassen viele dann doch lieber im Auto (wahrscheinlich gehen deshalb immer alle 5 Minuten vor Spielende wieder zum Auto, länger als 100 Minuten ohne geht nicht J ), denn „Wir sind hier nicht im Urwald!" fiel ebenso wie das altbekannte „Schwuchtel".

Zwei Grounds an einem Tag habe ich noch nicht gemacht und noch dazu zwei Groundpoints! Juhu! Ja ja, ihr Hopper lacht mich jetzt aus, aber bis auf die dummen Sprüche war es ein netter Fußballnachmittag.

Vorm Stadion rottete sich langsam das Volk zusammen und nachdem uns eine NPD nahe Gruppierung noch ihr gelinde gesagt fragwürdiges Flugblatt in die Hand gedrückt hatte („"Deutsche Soldaten für fremde Interessen? Fremde Kriege wichtiger als unser Volk? Kein deutsches Blut für fremde Interessen" bla bla bla " oder so) , machten wir denn auch, dass wir wegkamen.

Christine